Lisa Fink

Bei einer Schreibexkursion in Italien zum Thema "Blicke" ist nachstehender Text entstanden:

Namenlose Holztüren in Steinmauern entlang der gewölbeartigen Gasse. Moos wächst im steten Rinnsal des Wassers die Mauer herab in die Düsternis. Im Dämmerlicht schweigende Gassen, verwinkelt, verwirrend.

Künstler präsentieren Aquarelle, darauf festgehalten an den Fels geduckte Häuser, das Meer.

Die Erinnerung lenkt ihre Schritte steil hinab zu der einen Tür, die wie all die anderen verschlossen ist. Kein Laut dringt heraus. Ein Lichtstreifen quillt durch den Türspalt. In ihrem Kopf hallen die gezischten Worte der Verleumdung nach. Worte, die nicht für ihre Ohren bestimmt, Worte, die ihr das Herz zerrissen.

Langsam, ganz langsam drückt sie die Klinke, die Tür schwingt auf. Modergeruch weht ihr entgegen, begleitet von Meditationsmusik.

Dort steht er, unbeweglich, den Blick gegen die Mauer gerichtet. Ein dünner Schweißfilm bedeckt seinen Körper.

Die ältere Frau legt Zeichenkohle und Block auf das Tischchen und geht auf ihn zu. Der Hauch eines Gewandes umschmeichelt ihre Figur.

Den Atem in der Brust verklumpt, nimmt sie die Szene in sich auf. Ihr Blick folgt der faltigen Hand über die junge Haut von seinem Hals über die Brust nach unten. Die Glut seines nackten Leibes brennt auf ihren eigenen Fingern.

Statuengleich steht er da, die Augen geschlossen. Seine Lenden vom üppigen Leib der Älteren gnädig verborgen .

Die Klinke in die Hand gebrannt, beobachtet sie, wie sein Kopf sich senkt, gedrängt von fremder Hand.

Als sich ihre Lippen berühren, wendet sie den Blick ab. Neben dem Zeichenblock drei Fünfziger, ausgebreitet wie ein Fächer. Ein Fächer zu klein, um Linderung zu verschaffen.

Ein Keuchen, ihren Namen hervorstoßend. Braune Glut in seinen Augen, inmitten weißer Seen.

'Sag was', starrt sie ihm entgegen.

Sein Blick irrlichtert über ihr Gesicht, springt hinüber dem gefächerten Lohn, wandert zurück zu ihr. Verweilt nur für einen Moment, zuckt zu der Frau, die den Raum zwischen ihnen ausfüllt. Seine Schultern, sein Kopf, seine Augenlider sinken herab.

Die Ältere entlässt ihn, treibt nebelgleich an ihr vorbei hinaus aus dem luftlosen Raum. Kein Blick, so viel Nichtblick.

Die Musik zirpt, das Haus modert.

Fingerstriemen auf seiner Haut. Schweiß sammelt sich auf seiner Brust, rinnt hinab, versickert.

Hände wickeln ein Laken um seinen Leib. Die Arme um sich gewunden, tapst er auf sie zu. Dunkle Flecken auf dem Holz, dort wo er gestanden.

'Es tut mir leid', flehen seine Augen, starren mit glühendem Blick auf das verräterische Geld, das nicht in Flammen aufgeht.

Daneben der Zeichenblock, aufgeschlagen. Schwarze Striche formen unschuldige Nacktheit.

Die Klinke windet sich in ihrer Hand.

Das Gefühl des lebenden Metalls bleibt, als sie über die Schwelle tritt.

 

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